Initiative - Prostatakrebs-Aufklärung
PSA-Screening und die Folgen
Dr. med. Ernst Herbert Bliemeister (Urologe)
Die vielfach auch medial geschürte Angst vor Prostatakrebs (PK) lässt etwa 18% aller Männer über 50 Jahren ihr vermeintliches Heil im PSA-Screening suchen. Die Ergebnisse der Screening-Studien (PLCO/ERSPC) belegen, dass ein heute 50-jähriger Mann mit 3% Wahrscheinlichkeit an Prostatakrebs stirbt. Da das Gefühl gegen die Logik resistent ist, ignorieren viele Männer die Tatsache, dass jenseits des 70. Lebensjahres Prostatakrebserkrankungen zwar zunehmen, 97% aller Männer aber trotzdem nicht daran versterben. Die Todesziffer für Prostatakrebs persistiert in Deutschland seit 1971 – trotz PSAScreening – bei ca. 12.000 pro Jahr.
Durch PSA-Screening wurde allein 2008
bei über 58.000 Männern Prostatakrebs
bioptisch gesichert. Sind Betroffene narkosefähig
und operabel, erleben sie meist
die radikale Prostatektomie. Mögliche OP-Folgen
wie Impotenz und Inkontinenz sowie
die hohe Rezidivrate von über 40 % werden
vorab selten ausreichend kommuniziert;
auch weiß der Patient in der Regel nichts
von der gängigen Praxis, dass Kliniken Urologen
Einweisungsprämien zahlen. Wird bioptisch
keine Krebserkrankung gefunden,
folgen engmaschig weitere Prüfinstanzen,
um den vermuteten Prostatakrebs doch
noch nachzuweisen. Ein Alptraum für betroffene
Männer und ihre Familien.
Eine längst eigendynamisch gewordene, fatale
Fehlentwicklung innerhalb der Urologie
will das PSA-Screening nun noch ausweiten.
Prostatakrebs soll möglichst frühzeitig
erkannt und radikal operiert werden. Männern
wird dabei oft verschwiegen, dass die
Spannbreite bei Prostatakrebs zwischen
"harmlosen" und gefährlichen Wachstumsformen
enorm ist. Auch wird vielen Betroffenen
die als Kassenleistung zugelassene
DNA-Bildcytometrie (DNA-ICM) vorenthalten.
Dabei filtert sie aus der großen Masse
neu entdeckter und "harmloser" Fälle die
wenigen wirklich gefährlichen heraus, welche
auch unbedingt therapiebedürftig sind.
Wer Männern mit imperativem PSA-Screening-
Wunsch erklärt, dass die DNA-Bildcytometrie
bei Prostatakrebs objektiv
zwischen "harmlos" und gefährlich differenzieren
kann, bewahrt sie vor möglicherweise
fatalen Folgen. Bei "harmlosen"
Fällen kann die Methode "watch and wait"
gefahrlos angewandt werden: So lebt
Mann unter 2-jährlicher Kontrolle sein normales
Leben weiter, vergleichbar wie bei
Bluthochdruck oder Diabetes. Gefährliche
Fälle von Prostatakrebs behandelt die Radiotherapie
(IMRT) humaner, sinnvoller und
nebenwirkungsärmer (Lebensqualität erhaltend)
als jede Radikal-OP. Das PSA-Screening
bedroht alle Männer, die diese Zusammenhänge
nicht kennen, mit Überdiagnose
und Übertherapie.
Wissenswerte Fakten und
populäre Irrtümer
Unwissenheit und medial mitverursachte
Panikreaktionen beim Thema Prostatakrebs
lassen viele Männer an weit verbreitete Irrtümer
glauben:
- Irrtum 1: Jeder PK ist lebensgefährlich!
- Irrtum 2: Nur die sofortige, radikale OP schafft Heilung!
- Irrtum 3: Nach einer OP lässt sich weiterleben wie bisher!
- Irrtum 4: Erfahrene Operateure erhalten mir die Potenz!
Jede frische Krebsdiagnose löst verständlicherweise
Todesangst aus, weshalb Männer
häufig auch einer sofortigen Behandlung
zustimmen. Prostatakrebs ist jedoch
kein Notfall. Unbehandelt dauert der Verlauf
bei "harmlosem" Prostatakarzinom 10 bis
15 Jahre und länger.
Ohne Kenntnis der DNA-Bildcytometrie
kann kein Mann sicher überprüfen, ob er
objektivierbar bedroht wird, und welche Behandlungsform
dieser Bedrohung optimal
angepasst ist. An der tatsächlichen, nicht
der gefühlten Bedrohung ist jede Therapie
auszurichten. Der Prostatakrebs zeigt enorme
Spannbreiten zwischen harmlosen
und gefährlichen Formen. Handeln aus Panik
heraus schädigt immer lebenslang.
Folgende Tatsachen gelten:
1. Über 65 % aller Fälle von Prostatakrebs
sind bei ihrer Diagnose nicht
lebensbedrohlich.
2. Über 40 % aller Operierten erleben
ein Rezidiv.
3. OP-Folgen und Rezidiv-Ängste
mindern massiv die Lebensqualität.
4. Die Fähigkeit zur Erektion auch mit
teuren Tabletten ist selbst nach
nervschonender OP äußerst selten.
Gleason-Methode und
DNA-Cytometrie
Prostatakrebs entsteht ursächlich durch
kettenreaktionsförmige Veränderungen von
Erbgut (DNA), wodurch betroffene Zellen anfänglich
harmloser, dann immer gefährlicher
"verkrebsen". Gesunde Zellen besitzen
zwei Erbgutstränge (= diploider Chromosomensatz).
Je mehr DNA-Stränge ein Prostatakrebs
aufweist, desto gefährlicher wird
er. Wie ein harmloser Schneeball talwärts
rollend zur tödlichen Lawine wird, kann sich
Prostatakrebs von "harmloser" zu gefährlicher
Wachstumsform weiterentwickeln.
Das geschieht deshalb nicht zwangsläufig,
weil das peridiploide DNA-Muster äußerst
stabil ist. Die Gefährlichkeit des Prostatakrebses
wird Malignitäts-Grading genannt.
Es ist sowohl subjektiv als auch objektiv
bestimmbar: Mit der Gleason-Methode beschreibt
der Pathologe subjektiv mikroskopisch
sichtbare Veränderungen der Architektur
von Krebsgewebe (
Histologie). Die Bildcytometrie dagegen misst objektiv den
DNA-Gehalt der Krebszellen, der ihre Gefährlichkeit
abbildet. Die Messung der Prostatakrebs-
DNA (DNA-ICM) zeigt objektiv
a) Wie gefährlich ist der Krebs?
(Über 65 % sind nicht lebensbedrohlich!)
b) Muss die Erkrankung sofort behandelt
werden – falls ja, wie?
c) Kann die Therapie gefahrlos
ausgesetzt werden?
d) Welche Prognose hat der Betroffene?
Die Aussagen zum Grad der Bösartigkeit
von Gleason und DNA-Bildcytometrie sind
nicht identisch. Diagnostische Routine ist
die subjektive (interindividuelle Reproduzierbarkeit:
~ 60 %) Gleason Methode,
die objektive DNA-Bildcytometrie wird
Betroffenen dagegen meist vorenthalten.
Sie identifiziert therapiebedürftige Fälle
von Prostatakrebs objektiv, kontrolliert bei
watchful-waiting-Strategie den DNA-Verlauf
des Krebses und prüft gegebenenfalls
die Wirksamkeit einer Therapie. Eine schädigende
Übertherapie kann durch Kenntnis
der DNA-Bildcytometrie ebenso verhindert
werden wie eine verhängnisvolle Untertherapie.
Die DNA-Verteilung /Häufigkeit von
Prostatakrebs zeigt vier unterschiedliche
Muster:
- Peridiploid (Typ A): wächst langsam, nicht invasiv und in der Regel ohne Metastasenbildung; Häufigkeit Typ A: 48,4 %
- Peritetraploid (Typ B): wächst etwas schneller, erst spät invasiv, und sie bilden u.U. später Metastasen aus; Häufigkeit Typ B: 23,0 %
- X-ploid (Typ C): wächst sofort schnell und frühzeitig invasiv; Häufigkeit Typ C + Typ D: 25,4 %
- Multiploid (Typ D): bildet Mikro-Metastasen, wenn sie noch winzig klein sind
Krebstypische Wachstumseigenschaften
sind schnelles, in Nachbarorgane invasives
und Fernabsiedlungen bildendes Wachstum.
Prostatakrebs-Zellen zeigen diese
Eigenschaften bei stärker gestörtem DNAMuster
immer deutlicher. Die DNA-Bildcytometrie
identifiziert gefährliche, weil krebstypisch
sich ausbreitende Zellen anhand ihres
hohen DNA-Gehalts (x-ploid/multiploid).
Das leistet die Gleason Methode nicht.
Dazu bestimmt Gleason kleine, nur wenige
Millimeter messende PK-Herde in Stanzbiopsien
oft unzuverlässig. Häufige Folge ist
die Überbewertung der Gefährlichkeit des
Prostatakrebs. Männer hoffen also vergeblich
auf eine "harmlose" PK-Erkrankung, weil
die Gleason Methode diesen nie erkennt.
Watch & Wait Strategie und IMRT
Eine humane, tumorbiologisch und urologisch
sinnvolle Therapie des lokalen,
"harmlosen" Prostatakarzinoms darf nicht
verstümmeln. Sie muss der individuellen,
objektiv gesicherten Gefährdung angepasst
sein. Die "harmlosen" Fälle erlauben,
abhängig von ihrer Ausdehnung und dem
Alter des Mannes, gefahrlos abwartendes
Beobachten: die Watch & Wait Strategie,
während der alle 24 Monate der PK-Verlauf
kontrolliert wird (Re-Staging/DNA Kontrolle).
Zwischenzeitlich geäußerte Symptome
werden diagnostisch abgeklärt.
Die IMRT (Intensitätsmodulierte Radio-
Therapie) ist bei x-ploidem /multiploidem
DNA-Typ human und sinnvoll. Das Bedrohungspotential
solcher PK-Erkrankungen
liegt in ihrem Malignitätsgrad, der kleine
und aggressive Krebse frühzeitig Mikrometastasen
ausbilden lässt. Weil Röntgendiagnostik
diese nicht erkennt, sind sie
auch nicht operierbar.
Strahlentherapie mit IMRT Technik behandelt
sie sogar kurativ, indem sie die Lymphabflusswege
der Prostata in das Bestrahlungsfeld
integriert. Technische Innovation
minimiert dabei die Strahlenfolgen: die Kontinenz
kann immer, die Potenz häufig erhalten
werden.
Fazit für die tägliche Praxis
Wird Prostatakrebs mittels PSA-Screening
gefunden, bestimmt die DNA-Bildcytometrie nach einer erfolgten FNAB (Feinnadelaspirationsbiopsie), die Vorzüge gegenüber einer normalen Stanzbiopsie bietet,
das für Diagnose, Prognose und Therapie
des Krebses entscheidende Malignitätsgrading
objektiv.
Auch spätere DNA-ICM-Kontrollen
sind möglich: Der Pathologe
bewahrt jede Zell- oder Gewebeprobe 10
Jahr lang auf. Falls Prostatakrebs in einem
OP Präparat oder einer Biopsie gesichert
wurde, wird dies zur Cytometrie einem dafür
qualifizierten Pathologen zu gesendet.
DNA-Bildcytometrie sollte die routinemäßig
angebotene Gleason-Diagnostik immer
ergänzen. Die weltweit beste Expertise für
DNA-Bildcytometrie besitzt das Cytopathologische
Institut der Heinrich-Heine-Universität
Düsseldorf.
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